Meine sehr verehrten Damen und Herren,

der Erich-Ponto-Preis verweist auf einen Schauspieler, dem sich dieses Haus auf besondere Weise und mit Recht verpflichtet fühlt. Und dies nicht in erster Linie, weil er dem Staatstheater Dresden als Intendant vorstand, vielmehr weil er ein archetypischer Vertreter jener Schauspielkunst war, die Äuthentizität über den Effekt stellten und deren wenige Ton- und Bilddokumente auch heute noch modern wirken. Ponto war modern, als um ihn herum noch vielfach getönt und getobt wurde. Ein einzigartiges Tondokument ist uns erhalten geblieben; seine Darstellung des Mephisto mit dem ebenso großartigen Horst Caspar als Faust. Ich empfehle Ilmen diese Auffiahme, auch um auf das hohe Ethos eines Schauspielers zu verweisen, der den Text als Ausgangspunkt, seinen Körper als Instrument und sein Handwerk als Voraussetzung zur Erzeugung von Wahrheit nahm. Ponto war deshalb eine so seine Zeit überstrahlende Künstlerpersönlichkeit, weil es eben immer auch andere, ebenso Talentierte gab, die der Verführung zum Kommerz eher erlagen. Es gab immer die Sarah Bernards, wie es die Eleonora Duses gab. Die Bemamino Giglis wie die Jussi Bjoerlings, so wie es Gustaf Gründgens gab und eben Erich Ponto.

Ahmad Mesgarha ist eine Duse. Ein Schauspieler also, dessen Ehrgeiz nicht das Verstellen ist, eher das sich Finden in der Verwandlung. Er will nicht immer wieder ein anderer sein, seine Rollenportraits sind Meilensteine eines Menschen, der auf der Suche nach sich selbst ist. Wie bei Ponto ist sein künstlerisches Tun getragen von hohem künstlerischen Ethos — dazu gehört auch, dass er sich öffentlich äußert, dass er »aussagt«. So, wenn er sich anlässlich eines Interviews zum »Menschenfeind« über den Zeitgeist auslässt: »Heute beschmutzt man fremde Nester, um damit viel Geld zu verdienen. Man schreibt Bücher mit Titeln wie ‚Die ganze Wahrheit‘ oder ‚Jetzt packe ich aus‘. Es geht nicht mehr um eine Sache, sondern um den Marktwert einer Sache. Es geht nicht um die Wahrheit, sondern um verkaufen, verkaufen, verkaufen.« Ahmad Mesgarha ist ein Moralist, weil ihm die Erzeugung von Wahrheit einziges Arbeitsziel ist; die Erzeugung jenes authentischen Augenblicks, in dem er uns bei der Hand nimmt und uns in das Reich seiner Phantasie entführt. Und da sehen wir dann die Welt mit den Augen eines Mitmenschen, dessen Facetten Roberto Zucco und Sultan Saladin heißen, Alceste und Tellheim, Spiegelberg und Raupenkönigin. Und sie haben alle eins gemein: sie befragen die Welt, und wenn seine Figuren einmal einen Standpunkt beziehen, dann immer mit dem Spielraum für den noch besseren Gedanken. Denn Ahmad Mesgarha ist nie Dogmatiker — auch in seinen Rollen nicht.

 
 
 

Eine Lehrstunde seiner Schauspielkunst lieferte er am 07. März dieses Jahres, als er am Ende einer vierteiligen Lesereihe aus der »Asthetik des Widerstandes« von Peter Weiss das Kapitel über Picassos »Guernica« las. Behutsam, so als wagte er selbst kaum zu enthüllen, was er las, entblätterte er ein zweifaches Meisterwerk: die deutende Sprache des Dichters und das epochale Bild des Malers.

Wer so beliebt ist wie er, fordert den Neid der Götter heraus: seine Erscheinung lässt die Herzen der Damen schneller schlagen, sein Charisma beneiden die Herren, und wenn er singt, glaubt man auf der falschen Seite des Zwingers zu sein. Alldem begegnet er mit einer Disziplin, die Zirkusartisten eigen ist, mit einer Freundlichkeit, die man in einer rauer werdenden Gesellschaft kaum noch kennt und auf die man kaum noch hofft und mit einem Humor, der in der Verschmelzung zweier Kulturen, die seine Biografie ausmachen, seinen Ursprung hat. In Anlehnung eines berühmten Wortes von Brecht wage ich den Satz: hier ist ein Schauspieler eines an sich selbst zweifelnden Zeitalters, und wir sind fasziniert.

 

Laudatio von Holk Freytag,

Intendant des Staatsschauspiels Dresden

Dresden, den 2.Juli 2004

Erich Ponto Büste

im Schauspielhaus

Dresden

 
     
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