Hinweisschilder ins Irgendwohin                                             

Winter 2004. Ein sehr verschneiter Winter..

Ich bin für einige Wochen in Chemnitz

und komme mir vor wie im Schwarzwald.                                          

Tiefer Schnee wohin das Auge sieht.

Das „deutsche Manchester“ wird Chemnitz genannt,

die äußeren Randbezirke sind voller

Kleinbetriebe. Im 19. Jahrhundert entwickelte

sich die Stadt zu einer der wichtigsten

Industriestädte Deutschlands. Soviel zur Heimatkunde...

Chemnitz ist nicht besonders schön.

Genauer gesagt ist das Schöne nicht mehr zu sehen.

Britische und amerikanische Bomber vernichteten

am 13. und 14. Februar sowie am 5. März 1945 die gesamte

historische Innenstadt und raubten der Stadt ihre Seele.

 

Heute weißt du nicht, ob du in Chemnitz oder

Magdeburg bist. Jede Straße gleicht einer

Notlösung und am Ende rennst du dir die Hacken wund,

weil du alles verwechselst, weil alles gleich aussieht.

In diesen Tagen überdeckt aber der Schnee die

Straßen und Wälder mit einer Gleichgültigkeit die versöhnt.

Die Kälte wirkt gerecht, der Himmel lächelt ehrlich,

als wolle die Zeit von vorne anfangen.

Ich wandere mit meiner Kamera entlang des

Kappelbachs und entdecke ein Heizungsrohr,

das sich wie eine Ader entlang des schmalen Wassers

bis in die Stadt zieht. Fernwärme für die Städter...

Graffiti ist auf dem Rohr, alte Schrift, Zeitungen…Spuren.

Ich fotografiere, wandle später die Farben in ihr Gegenteil,

oder bestärke sie, entdecke Strukturen.

Zufälligkeiten werden zu Botschaften, verschlüsselten

Landkarten. Werden zu Hinweisschilder ins Irgendwohin.

2008

 

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